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Trau – schau – wem?

„Spike Proteine in der Muttermilch sind toxisch! Professor Byram Bridle warnt vor dem COVID-Impfstoff!“ So stand es auf Blogs und Posts bei Facebook im Herbst 2021. Ein gefundenes Fressen für alle Impfgegner: Der kanadische Immunologe warnt vor dem Impfstoff von BioNTech! Und viele Nutzer glaubten das. Eine Erhebung zeigt, dass etwa jeder zweite Onlinenutzer schon mit Fake News in Kontakt kam. Zeitgleich sagen immer mehr Menschen, dass sie den klassischen Newsmedien (wieder) vertrauen. Wie geht das zusammen?

Im Zweifel für die Mainstreammedien

Die Corona-Pandemie beunruhigt sehr viele Menschen: Ist sie wirklich so gefährlich? Wie und wo breiten sich die Mutanten aus? Was genau bezweckt die Corona-Politik? Haben die Kritiker recht, die das Impfen für ein Riesenrisiko halten?

Solche und ähnliche Fragen beschäftigen Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen. Sie suchen im Internet nach Informationen und Antworten. Aber finden sie sich zurecht im Web-Dschungel zwischen Tatsachen, Meinungen und Fake-News? Eine kurze, vereinfachte Antwort: je länger, je besser!

Diese Folgerung kann der Erhebung des Reuters Institute Digital News Report von 2021 entnommen werden, deren deutsche Teilstudie vom Leibniz-Institut für Medienforschung in Hamburg durchgeführt wurde. Insgesamt wurden 92.372 Personen aus 46 Ländern auf sechs Kontinenten befragt. Da diese Erhebung periodisch (etwa jährlich) durchgeführt wird, verfügen die Reuters-Forscher über Vergleichszahlen aus den Vorjahren und können darum auch Veränderungen in der Mediennutzung nachzeichnen.

Der überwiegende Teil der Erwachsenenbevölkerung weiß tatsächlich, wo man eher zuverlässige Nachrichten als Antwort auf die einleitend gestellten Fragen findet. Jedenfalls werden die journalistischen Newsmedien seit Ausbruch der Corona-Pandemie intensiv genutzt. Neun von zehn Erwachsenen lesen, hören oder schauen tagesaktuelle Nachrichten der Newsmedien mehrmals pro Woche (2021: 92%). Die Menschen zeigen darin keine Ermüdungserscheinungen: Vor der Pandemie – ich habe das Jahr 2018 herausgegriffen – waren es 95 Prozent. Oder doch?

Im zweiten Pandemiejahr (2021) gaben mehr als zwei Drittel (67 Prozent) an, an aktuellen News „sehr interessiert“ zu sein; dies sind etwas weniger als im ersten Pandemie-Jahr (71 Prozent) und auch weniger als noch vor der Pandemie (2018: 70 Prozent). Dabei steigt das Interesse an der Politik  – aus naheliegenden Gründen – mit der Dauer der Corona-Pandemie; unter den jungen Erwachsenen (18 bis 24 Jahre) stieg der Anteil der Interessierten am stärksten an, von 35 (2020) auf 42 Prozent.  Hat sich mit dem gestiegenen Politikinteresse die Mediennutzung verändert? Unterscheidet es sich darin von der älteren Bevölkerung?

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen und die Politik

In Bezug auf  Deutschland zeigt die Erhebung, dass unter den Erwachsenen der Anteil derer, die sich über das klassische Fernsehen (TV) „als regelmäßig genutzte Nachrichtenquelle“ informieren, gegenüber 2018 von 74 auf 69 Prozent gesunken, aber seit Beginn der Pandemie stabil  geblieben ist. Im selben Zeitraum stieg die Nutzung des Internets „als Nachrichtenquelle“ von 64,7 auf 69 Prozent (ebenfalls seit 2020 stabil). Man kann dies dahin deuten, dass mit dem Krisenthema Corona der Wunsch zunahm, verschiedene Quellen zu nutzen und zu vergleichen; das Surfen im Internet gewann an Attraktivität. Unter den jungen Erwachsenen gab es eine stärkere Verschiebung: Zwar nennen rund 80 Prozent 2018 wie auch 2021 das Internet als „regelmäßig genutzte Quelle“. Doch der Anteil derer, die das Internet als „Hauptquelle“ nutzen, stieg von 59 auf 70 Prozent. Und 46 Prozent nutzen das Internet inzwischen „als einzige Quelle“ (2018: 33 Prozent).

Nun ist das Internet ein Informationsuniversum, in dem man auch zur Tagesschau, zu Focus, zu t-online und zu bild.de findet. Was also wird im Internet angesteuert? Wenn diese Nutzungsfrage auf die Social Media und ihre Plattformen eingeengt wird, ändern sich die Antworten: In der Zeit vor Corona nannten 44 Prozent der jungen Leute Social Media als ihre „regelmäßig genutzte Quelle“; weitere knapp 20 Prozent  nannten sie „Hauptquelle“. Jetzt, im Frühsommer 2021, war der Anteil auf 31 (regelmäßige Quelle) bzw. auf 10 Prozent (Hauptquelle) geschrumpft. Offenbar fand auf der Suche nach professionell gemachten Medien eine Art Horizonterweiterung satt.

Zurück zur Gesamtbevölkerung: Vor Corona, im Jahr 2018, nannte jeder Zweite (49%) das analoge Fernsehen (TV) als seine „Hauptinformationsquelle“. Im ersten Corona-Jahr waren es nur mehr 42 Prozent. Jetzt, in der Mitte des zweiten Corona-Jahres, sind es 44 Prozent. In den Worten der Studienleiter: „In allen Altersgruppen ist der Anteil derjenigen, die das Fernsehen als ihre Hauptnachrichtenquelle betrachten, angestiegen; am deutlichsten bei den 18- bis 24-Jährigen um +5 Prozent auf 22 und bei den 25- bis 34-Jährigen um +7 auf 28 Prozent.“ Ändert sich dies wieder, sofern der Nachrichtenhunger in der Nach-Corona-Phase nachlässt?  Oder erweist sich die Zuwendung zu den TV-News – vor allem zu den Sendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens – als nachhaltig? 

In diese Richtung zielt der Befund, dass unter den jungen Erwachsenen generell das Vertrauen in die Nachrichtenangebote der Medien zugenommen hat (von 42 Prozent 2018 auf 48 Prozent 2021). Großes Vertrauen genießt – auch in der Gesamtbevölkerung – weiterhin die Tagesschau. Ihr Vertrauensbonus bewegt sich (wie schon 2018) zwischen 6,9 und 7 Punkten (von möglichen 10); der Bonus der Nachrichtensendung ZDF heute indessen sank leicht von 6,85 auf 6,7.  Überhaupt ging in der Gesamtbevölkerung (im Unterschied zu den jungen Leuten) das Vertrauen in die journalistischen Newsmedien im Mittel um etwa 0,5 Punkte zurück. Das Schlusslicht auf der Skala liefert erwartungsgemäß die Bildzeitung (online und offline). Hier brach das Vertrauen am stärksten weg: von knapp 4 auf 3,4 Punkte. Unverändert hohe Mediennutzung und im Fortgang der Corona-Krise leichter Vertrauensschwund. Wie erklärt sich das?  

Man darf davon ausgehen, dass beim Krisenthema „Corona“ die journalistischen Newsmedien, allen voran die öffentlich-rechtlichen, die bestinformierten Nachrichtenanbieter sind. Wer also erfahren will, was die Politiker, die zuständigen Ministerien und Behörden zu Corona verkünden, für den ist es naheliegend, die Nachrichten der Rundfunkanstalten und der Leitmedien zu nutzen. Diese gelten als zuverlässig und – im journalistischen Sinne – als professionell gemacht. Zwar finden auch heute viele Mediennutzer, die Nachrichtensendungen der ARD-Anstalten und des ZDF seien „regierungsnah“ und insofern einseitig. Doch genau diese Einschätzung bringt viele Fernsehzuschauer zu dem Schluss, dass sie über die Nachrichtensendungen der ARD und des ZDF am genauesten erfahren, wie die Regierung die Situation einschätzt und die Ministerien und Behörden vorgehen (wollen). Kein Zweifel: Die TV-Nachrichtensendungen – ob analog über den Fernseher oder digital und zeitversetzt über den Screen – zeigen tagtäglich die Hauptakteure der Politik und diskutieren deren Positionen in Talkshows und Sondersendungen. In dieser Funktion besitzen sie Glaubwürdigkeit und Vertrauen.

Wachsendes Misstrauen gegenüber Facebook

Die Erhebung zeigt noch eine weitere Tendenz, die das gestiegene Renommee insbesondere des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ebenfalls erklären kann: das schwindende Vertrauen unter Onlinenutzern gegenüber den Kanälen der Social Media. So gibt derzeit knapp die Hälfte der erwachsenen Onliner (49 Prozent) an, den Sozialen Medien nicht zu vertrauen (2018 waren es nur 37 Prozent). Und fast jeder Zweite (46 Prozent) sagt heute, er stoße immer wieder auf falsche oder irreführende Informationen zu Covid-19. Die Befürchtung, in der Welt der Social Media über das Thema Coronavirus irreführend informiert zu werden, beziehen 28 Prozent der Befragten gezielt auf Facebook.  

Der Erwachsenenbevölkerung wurde auch diese Aussage zur Bewertung vorgelegt: „Bei Online-Nachrichten habe ich Bedenken in Bezug darauf, zu erkennen, was Fakten und was Falschmeldungen sind“. Überraschend viele stimmten dieser Aussage zu. Bemerkenswert daran ist dies: Im Vergleich der Altersgruppen war bei den 18- bis 24-Jährigen der Anteil der Ja-Stimmen mit 45 Prozent am größten (Gesamtbevölkerung: 37 Prozent); vor Corona, 2018, waren es noch 40 Prozent.  Dieser Zuwachs an Skepsis passt zum gestiegenen Vertrauen in die journalistischen Medien. Und beide Trends mögen damit zusammenhängen, dass die jungen Leute mit ihren Smartphones zeitintensiver und diversifizierter im Internet unterwegs sind als die Älteren. So stoßen sie auch häufiger auf Unsinniges, das über die Messengerdienste (WhatsApp, Twitter usw.) weitergegeben und kommentiert wird, Motto: „Hast Du‘s auch gesehen? Unfassbar!“ So wird die Unzuverlässigkeit der Social Media-Plattformen auch schneller erkannt.

Zusammenfassend will ich die Ergebnisse der Reuters-Erhebung für unser Projekt dahin deuten, dass die Fülle an widersprüchlichen News auf den Social Media-Plattformen und Blogs sehr viele Menschen, vor allem junge Erwachsene, verunsichern. Viele haben offenbar erlebt, dass sie Falschnachrichten (Fake News) Glauben schenkten, noch ehe sie die Irreführung erkannten. Und vieles weist darauf hin, dass die Glaubwürdigkeit professioneller Newsmedien im Internet vor allem von ihrer Transparenz abhängt. Gerade junge Nutzer fragen sich: Kann ich erkennen, woher die Nachricht kommt und wer für deren Verbreitung verantwortlich ist? Was Transparenz betrifft, so sind die journalistischen Medien am glaubwürdigsten. Und wenn sie sich mal täuschen und eine Falschnachricht verbreiten, lässt sich dies dank Quellenangabe über Suchmaschinen oftmals überprüfen. Und manchmal bringt das journalistische Medium sogar selbst die Korrektur.

Michael Haller, im November 2021

Die zitierte Studie findet sich hier:

Für Deutschland:

Hölig, Sascha; Hasebrink, Uwe; Behre, Julia (2021): Reuters Institute Digital News Report 2021 – Ergebnisse für Deutschland. Hamburg: Verlag Hans-Bredow-Institut, Juni 2021 (Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts | Projektergebnisse Nr. 58) DOI: https://doi.org/10.21241/ssoar.73637 ISSN 1435-9413 ISBN 978-3-87296-170-9. Die Hefte der Schriftenreihe „Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts“ finden sich zum Download auf der Website des Instituts.

Reuters-Report 2021 weltweit:

https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/sites/default/files/2021-06/Digital_News_Report_2021_FINAL.pdf

Quellennachweis für das einleitend erwähnte Beispiel Prof. Bridle:

Auf Facebook: https://www.facebook.com/watch/?ref=search&v=600764254682117&external_log_id=3d9ad367-d00d-4dc6-b48c-403aaa1aca89&q=Byram%20Bridal

Oder auf einer Website, die von Impfgegnern bevorzugt wird: https://www.bitchute.com/video/7XXmStI8VINb/…

Beispiel Prof. Bridle: Faktenüberprüfung durch Agence France Press (AFP): https://faktencheck.afp.com/http%253A%252F%252Fdoc.afp.com%252F9CE6WH-1

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