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Vorsicht bei Warum-Antworten!

„Warum die Zahl der Corona-Toten in der Werrestadt so hoch ist“, stand im Titel eines Berichts in der Neuen Westfälischen (18.11.2021). Doch diese Frage konnte der Bericht gar nicht beantworten, er referierte nur das, was die Behörden mitteilten. Hierbei handelt es sich nur um ein Beispiel unter vielen: In zahlreichen Medien werfen die Journalisten immer wieder bedeutsam klingende Warum-Fragen auf, aber haben mit deren Beantwortung größte Schwierigkeiten. Wie erklärt sich das?

Warum ist die Banane krumm?

Wir kennen alle diese Kinderfrage, die zur Metapher wurde für den Mix aus kindlicher Neugier, dem drängenden Verstehenswunsch – und der Unerklärbarkeit vieler Phänomene. Warum-Fragen sind darum oftmals heikle Fragen, die den Antwortgeber in Verlegenheit bringen. Auch die Journalisten gehen gern auf Warum-Fragen ein. Vielleicht glauben sie, sie könnten die Neugier ihres Publikums mit klugen Antworten stillen. 

Und schon stecken wir in einem heiklen Problem, weil …. Doch zuerst sollten wir über die Bedeutung dieses Adverbs sprechen. In den empirischen Wissenschaften (wie z.B. Physik, Biologie) und in der Technik bezeichnet dieses Wort eine monokausal wirkende Ursache: Weil ich den Finger nicht rechtzeitig weggezogen habe, traf ich mit dem Hammer (auch) die Fingerkuppe. Weil der Hammer die Fingerkuppe traf, ist diese jetzt blau. Sie ist blau, weil sich ein kleiner Bluterguss gebildet hat. Jetzt habe ich leichte Schmerzen, weil es durch den Hammerschlag zu einer Quetschung und in der Folge zum Hämatom kam. Und so weiter.

Solche Begründungen gelten als selbstverständlich, weil monokausale Abläufe überschaubar sind und x-Mal erlebt und untersucht wurden. Schwieriger wird es mit kausalen Erklärungen, wenn der Wirkungszusammenhang (noch) nicht klar ist. Ende November 2021 lasen und hörten wir in den Newsmedien fast überall diese Deutung: Die Corona-Inzidenzen gehen so rasant nach oben, „weil“ der Anteil der Nichtgeimpften noch immer (zu) groß ist. Stimmt diese Begründung? Ist dieser Zusammenhang wirklich „monokausal“? Und was ist mit den Impfdurchbrüchen? Und haben die Inzidenzen bei Geimpften dieselbe Geltung wie die der Ungeimpften? Was alles bildet das Merkmal „Inzidenz“ eigentlich ab? Und so weiter. Wir ahnen, dass es hier um komplexe Wirkungszusammenhänge geht, die keiner Monokausalität folgen.

Noch schwieriger wird es, wenn wir uns das menschliche Verhalten anschauen. Da ist das Nichtwissen meist größer als das Wissen. Nehmen wir meinen Finger unter dem Hammer. Warum habe ich ihn nicht rechtzeitig weggezogen? War ich abgelenkt? Ist die motorische Koordination meiner Bewegungen gestört? War ich unkonzentriert? Und wenn ja: warum? Hatte ich vorher Stress? Einen Kater? Ich weiß es nicht. 

Bedeutsam werden solche Fragen, wenn es zu einem Arbeits- oder Verkehrsunfall gekommen ist. Und wie unbefriedigend sind oft die Kausalitätsantworten, die uns die Untersuchungsgremien liefern. 

Noch komplizierter wird die Suche nach einer gültigen Antwort auf die Warum-Frage, wenn es um das Sozialverhalten von Menschengruppen geht. Warum kam es zur vierten Welle der Corona-Pandemie? Warum sind – Stand November 2021 – die Inzidenzen in Portugal und Spanien erheblich niedriger als bei uns in Deutschland? Warum verhalten sich die Impfgegner in den Niederlanden so aggressiv und in Dänemark so friedfertig? 

Hier spätestens wird uns klar, dass Antworten auf Fragen nach dem „Warum?“ im Kontext des Sozialverhaltens nicht treffend beantwortet, sondern nur als Interpretation vorgeschlagen werden können. Warum-Antworten sind hier also Annahmen, die nur so lange gelten, bis man mehr, bis man genaueres weiß. Solche Hypothesen sind dem zufolge Deutungen und gehören eher zur Meinungsmache als zur Tatsachenbeschreibung.  Überspitzt gesagt: In der sozialen Wirklichkeit gibt es Zusammenhänge, aber keine Warum-Antworten; bei diesen handelt es sich um Deutungen, die (nur) in unseren Köpfen existieren.

An dieser Stelle stoßen wir auf das einleitend genannte Problem: Sehr viele Journalisten wollen mehr wissen, als sie wissen können – und liefern kausale Begründungen, wo es keine gibt. Schwer zu sagen, „warum“ sich diese Warum-Beantwortungslust in der Berichterstattung ausgebreitet hat. Ich habe in der WISO-Datenbank (deutsche Tagespresse) nachgeschaut. Allein im Monat November 2021 gab es insgesamt 4.706 Überschriften (Titel), in denen „Warum“-Antworten angekündigt wurden. Ein paar Beispiele vom Samstag, 20.11.21: „Warum Geschäfte leer stehen“ (Südkurier 20.11.21); „Warum junge Leute Pflegekräfte werden“ (Südwestpresse 20.11.21), „Warum sich Altpapier Sammeln wieder lohnt“ (Nordjurier 20.11.21). „Warum Corona-Zahlen bei Ungeimpften höher sind“.

Eine Überprüfung der Berichte ergab, dass die Warum-Antworten entweder nur aus Zitaten Dritter konstruiert oder aus einer Spekulation oder aus der Verkürzung eines Komplexes auf eine vermeintliche Kausalität bestanden. Im letzten Fall handelt es sich um eine Irreführung.

Am häufigsten präsentierte die Mitteldeutsche Zeitung in Überschriften zu Sachberichten Warum-Antworten. Ein Beispiel: „83-Jährige hat nach elf Monaten noch stabile Menge Antikörper im Blut. Warum das für sie jetzt aber zu einem Dilemma wird.“ (18.11.21). Wir ahnen es: Solche Titelgebungen sollen einen belanglosen Vorgang verrätseln, damit das Lesepublikum – wie die Kinder mit der Banane – auf eine klärende Begründung hoffen. Vielleicht möchte die Redaktion auch als neunmalklug erscheinen und präsentiert eine Meinung als Sachverhalt.  Dies ist natürlich nur eine Mutmaßung von mir. 

Zu den journalistischen Qualitätsstandards gehört die Trennung von Meinung und Nachricht. Wie man als Mediennutzer diesen Unterschied erkennen und als Qualitätskriterium bei der Nutzung der Newsmedien anwenden kann, zeigen wir für den Schulunterricht in der 4. Lehreinheit über Tatsachen und Meinungen(siehe Downloadbereich). Dabei ist für die eigene Meinungsbildung auch wichtig, dass ich die Vielfalt an Deutungen und Hypothesen in den verschiedenen Newsmedien erfassen kann. Dass es diese Meinungspalette tatsächlich gibt, zeigt die App Buzzard tagtäglich aufs Neue. Am Ende der 4. Lehreinheit wird sie beschrieben. Für die Lehreinnen und Lehrer an Sachsens Vollschulen steht sie unentgeltlich zur Verfügung.

Michael Haller / 20. 11.2021

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